#88 Erleichterung

Hallo meine Lieben,

Wohl kaum einer von uns ist nicht mit dieser Schock-Nachricht konfrontiert worden: Schießerei in München. Anfangs habe ich das gar nicht realisiert, habe zwar gelesen, welch grausame Nachricht da steht, aber irgendwie hat sich mein Gehirn geweigert, das zu verarbeiten. Das dauerte dann ein paar Minuten bis ich mehrere Berichte las, meinen Augen zwar kaum trauen wollte aber dann doch irgendwann verstanden habe, dass dieses Horror-Szenario jetzt so nah ist! So, so nah – keine 30 km vor meiner Haustür.
Natürlich ist es auch dann schrecklich, wenn es einige hundert Kilometer entfernt geschieht, aber diese Nähe macht dann doch ein noch mulmigeres Gefühl. Vor allem diese Unsicherheit, dass man nicht weiß, wieso und wo diese Wahnsinnigen hin sind lies mich gestern nicht schlafen. In diesen Momenten finde ich so oft keine Worte, weiß nicht was ich denken, fühlen oder sagen soll, denn nichts trifft es wirklich geschweige denn verändert irgend etwas oder kann Betroffenen ihr unsägliches Leid lindern. Doch gestern kreisten meine Gedanken unentwegt und so schrieb ich während ich schlaf- und ratlos im Bett lag folgenden Text in der Hoffnung, dass bis zur Veröffentlichung die Lage schon entspannter ist, was zum Glück der Fall ist! Hier der Text:

„Ich will nicht mehr sehen, wie Menschen brutal miteinander umgehen, wenn man dass überhaupt noch menschlichen Umgang nennen kann. Ich will nicht mehr jeden Tag neue Schreckensmeldungen lesen oder hören müssen. Ich wünsche mir so sehr, dass die Menschen Frieden miteinander finden und vor allem mit sich selbst! Aber in all dem Übel, das ich weder begreife noch wirklich realisiere, habe ich heute ein paar sehr schöne Dinge erfahren dürfen. Kann bzw. darf man überhaupt sagen, dass man an solchen Situationen was positives entdeckt hat? Vielleicht ist es sogar sehr wertvoll, mal einen positiven Gegenpunkt zu setzen. Allein schon, um dem eigenen Gedankenkarusell für einen Moment zu entkommen.
Erstens: Ich hatte heute mindestens einen wundervollen Schutzengel, der wohl schon lange im Voraus aktiv war. Denn um ein Haar wäre ich heute in München gewesen und hätte gearbeitet, in einer Bar mit vielen, vielen Menschen. Doch eigentlich hätte ich morgen eine Prüfung gehabt und habe mich letztendlich dazu entschlossen, vernünftig zu sein und daheim zu bleiben, um für die Prüfung fit zu sein. Und obwohl ich Statistik wirklich sehr hasse und am liebsten die Prüfung gar nicht geschrieben hätte, bin ich froh, dass die Statistiker der LMU bekloppt genug sind, an einem Samstag Prüfungen anzusetzen. Denn durch diese Prüfung würde ich davon abgehalten, jetzt in München fest zu sitzen und wohl ein noch flaueres Gefühl im Mägen zu haben. Die Leistungsabnahme wurde erstmal ohne Ersatztermin abgesagt, ich werde also auch morgen nicht in München sein! Dass es manchmal einfach auch das Schicksal ist, das entscheidet, ich also ohnehin machtlos bin in manchen Momenten lindert das momentane Gefühl von Ohnmacht.

Zweitens bin ich dankbar für meine lieben Freunde, denn so viele liebe Menschen haben an mich gedacht und sich nach meiner Sicherheit erkundigt. Ich war zwischenzeitlich wirklich sehr gerührt, dass es so viele waren. Danke ihr seid die weltbesten Freunde und ich bin unwahrscheinlich froh, dass auch ihr alle in Sicherheit seid, ich möchte keinen einzigen von euch missen.

Drittens: Es ist irgendwie dann doch faszinierend und herzerwärmend zu sehen, wie solidarisch und hilfsbereit eine ganze Stadt ja eine ganze Region sein kann, wenn einem so etwas widerfährt! Überall wurde Leuten, die nicht mehr heim kamen von völlig Fremden ein Unterschlupf und somit vorübergehende Sicherheit geboten. In der Jahrgangsgruppe der Universität, aber auch in noch öffentlicheren Gruppen wurden in Facebook unter #OffeneTüre Schlafplätze offeriert, völlig kostenlos und ohne Eigennutz der Anbieter. Wie schön es doch wäre, wenn das der Normalzustand wäre.

Zum Schluss kommen allerdings doch auch wieder negative Gefühle dazu: nicht jeder hatte ein sicheres Versteck, einige Menschen wurden aus dem Leben gerissen, ihren Angehörigen so unvorstellbares Leid zugefügt. Allen persönlich Betroffenen gilt mein Beileid und tiefes Mitgefühl! Ich hoffe, dass unsere Welt bald wieder ins Gleichgewicht gerät, die Menschen zu ihrer Mitte, ihrem Frieden und einem für alle akzeptablen Miteinander finden. Dass wir wieder aufhören können, misstrauisch durch die Welt zu laufen und in allem Fremden eine Gefahr zu sehen. Es mag naiv klingen, aber davon träume ich und vertraue darauf, dass wir weiterhin in relativer Sicherheit leben können. Denn trotz allem muss man ehrlich sagen, wir leben sehr gut!“

Nach diesem doch wieder recht persönlichen Artikel wünsche ich euch einen sicheren und schönen Tag!

PS: Seltsam, dass es genau Artikel 88 ist, in dem ein solches Thema aufkommt. Steht diese Ziffer doch für so kontroverse Dinge: In der ursprünglichen Zahlen-Symbolik steht sie für Fülle, Neubeginn und somit Abschluss eines alten Abschnitts und Hoffnung. Und dann gibt es natürlich noch die, dank eines kranken Österreichers, viel bekanntere Bedeutung, die leider aber viel weniger schön ist. Ich hoffe einfach auf die traditionelle Bedeutung, also Aufschwung für unsere, wie mir scheint etwas krankende, Gesellschaft.

 

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Ein Gedanke zu “#88 Erleichterung

  1. kuhnographphotography schreibt:

    Ein schöner Text. Sehr persönlich und intensiv. Ein richtiger Schritt, hin zu etwas mehr Menschlichkeit in diesen katastrophalen Zeiten… Ich bin froh, dass das Schicksal einen Plan mit Dir hatte der Dich von München ferngehalten hat. Mein Beileid geht an alle Betroffenen…

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